Die Antwort ist ja! Überrascht? Keine Sorge, das geht vielen so und hat mit unserem Umgang und der Zweckentfremdung des Begriffs Chemie zu tun. Die Begriffe «ohne Chemie» oder «chemiefrei» werden oft als Synonym für «natürlich» oder «biologischen Ursprungs» verwendet und kommen mit einem eher negativ behafteten Image daher. Dabei ist die Lehre der Chemie völlig wertfrei und mit ihrer beschreibenden Eigenschaft ein elementarer Grundpfeiler der Naturwissenschaften, genauso wie die Biologie oder die Physik.
Chemie beschäftigt sich mit dem Aufbau, den Eigenschaften und den Umwandlungen von Stoffen und umfasst somit viel mehr, als vielen von uns bewusst ist. Chemie «passiert» oder «entsteht» also nicht nur im Labor, sondern ist, wie die anderen Naturwissenschaften auch, eine Betrachtungsweise und ein Erklärungsversuch der Dinge auf dieser Welt.
Gartenerde ist ein lebendiger Lebensraum für zahlreiche Mikroorganismen, Regenwürmer und andere Tiere. Ihre Bewohner sorgen für den Abbau organischer Substanzen und fördern die Bodenfruchtbarkeit.
Fokus auf:
Chemisch besteht Gartenerde aus Mineralien, Humus, Wasser, Luft und gelösten Nährstoffen. Ihre Zusammensetzung bestimmt, wie viele Nährstoffe Pflanzen aufnehmen können.
Fokus auf:
Physikalisch zeichnet sich Gartenerde durch ihre Struktur, das Porenvolumen sowie das Wasserhalte- und Luftvermögen aus. Diese Eigenschaften beeinflussen, wie gut Pflanzen wachsen können.
Fokus auf:
*Daneben gibt es auch noch die Geologie und die Astronomie, die uns helfen, die Erde und das Universum zu beschreiben und zu verstehen.
Wenn wir allerdings fragen: «Hat es da Chemie drin?», meinen wir oft einen ganz bestimmten Aspekt der Chemie, und zwar, ob etwas chemisch-synthetisch hergestellt wurde. Das heisst: Etwas, das sich in der Natur nicht zu dieser Verbindung zusammenschliesst, sondern künstlich, im Labor oder industriell, dazu gebracht wurde.
Diese Verfahren haben unserer Gesellschaft sehr viel gegeben und sind nicht mehr wegzudenken. Etliche wichtige Arzneimittel wie Schmerzmittel, Antibiotika oder Insulin werden heute synthetisch hergestellt. Das ermöglicht eine gleichbleibende Qualität sowie hohe Wirksamkeit und vermeidet, dass Wirkstoffe aus seltenen Pflanzen oder Tieren gewonnen werden müssen.
Im Garten hat es also überall Chemie; das Wasser, das aus zwei Wasserstoff und einem Sauerstoffmolekül besteht, ist Chemie. Das Kompostieren, bei dem organische Stoffe durch Mikroorganismen zersetzt werden und Energie in Form von Wärme frei wird sowie Stoffe wie Wasser und Kohlenstoffdioxid entstehen, ist Chemie:
C6H12O6 + 6 O2 → 6 CO2 + 6 H2O (Glukose/organisches Material wird zusammen mit Sauerstoff zu Kohlenstoffdioxid und Wasser).
Im Garten begegnen uns solche Verbindungen vor allem in Form von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln und synthetischen Düngern. Beide waren ein wichtiger Bestandteil des Agrarbooms, da die Ernte erheblich gesteigert werden konnte.
Synthetische Düngemittel werden mit dem Haber-Bosch-Verfahren hergestellt. Das Haber-Bosch-Verfahren erzeugt aus Wasserstoff und Stickstoff unter hohem Druck und mit einem Eisenkatalysator Ammoniak, das durch Abkühlung verflüssigt wird. Der Vorgang ist extrem ressourcenintensiv, und es wird viel Erdgas, Erdöl oder Kohle und verhältnismässig viel Energie benötigt. Im naturnahen Garten empfehlen wir daher dringlichst, auf Kompost und organische Dünger zu setzen, da sie weit weniger Energie benötigen und zudem den Boden schonend nähren und die Bodenlebewesen fördern.
Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sind biologisch aktive Substanzen, die Schädlinge bekämpfen. Darin sind sie meist sehr effektiv. Oder fast ZU effektiv, denn oft wirken sie sehr breit und schädigen nicht nur den Zielorganismus, sondern viele andere Lebewesen gleich mit.
Häufig lehnen sie sich an natürliche Wirkstoffe an, sind aber chemisch angepasst und verändert, damit sie in der Umwelt stabil sind.
Ein Beispiel dafür ist Pyrethrum, das aus einer Chrysanthemen-Art gewonnen wird. Auch Pyrethrum ist sehr breit wirksam, baut sich aber sehr schnell ab und wirkt deshalb nur sehr kurz. Daraus wurden die Pyrethrine gemacht. Stabile Formen von Pyrethrum, die sich über sehr lange Zeit nicht abbauen und über Wochen wirksam bleiben. Ähnlich bei den Neonikotiniden, einer abgewandelten Form von Nikotin.
Viele Mittel, die von Pflanzen natürlich als Schädlingsabwehr produziert werden, werden in abgeänderter Version synthetisch hergestellt und sind entsprechend viel schädlicher als die Naturform.
So passiert es sehr schnell, dass auch nützliche Tiere wie Marienkäfer, Bienen oder Regenwürmer erheblich in Mitleidenschaft gezogen werden und die Rückstände über lange Zeit aktiv bleiben. Auch im privaten Garten besteht ausserdem die Gefahr, dass Rückstände bei Regen in den Boden oder ins Grundwasser gespült werden. Schon kleine Mengen können die Umwelt und die Artenvielfalt beeinträchtigen. Deshalb ist es wichtig, im Garten auf natürliche und biologische Alternativen zu setzen und chemisch-synthetische Mittel zu vermeiden.
Also: Gärtnern wir doch weiterhin mit der Biologie UND der Chemie, aber OHNE chemisch-synthetische Pestizide oder synthetische Dünger, im Garten sowie auf dem Balkon. Damit wir gesundes Gemüse ernten, Insekten weiterhin die wunderbaren Blüten geniessen und auch zukünftige Generationen noch in einem lebenswerten Raum herumtoben können.
Was interessiert euch sonst noch und soll von uns tiefer erforscht werden?
Unser Autorenteam freut sich immer, wenn es Feedback und Wünsche erhält.
Einfach eine E-Mail an bewild(at)biogarten.ch senden. Vielen Dank und auf eine tolle neue Gartensaison!
Moira interessiert sich schon am meisten für die Biologie, aber weil sie alleine halt unvollständig ist, doch auch ein bisschen für die Chemie und die Physik. Sie stösst sich am Begriff «ohne Chemie», da dieser ungenau formuliert ist und zum Imageschaden der Wunderwelt der Chemie beiträgt.
Gleichzeitig findet sie, müsse man unbedingt wissen, dass man zwischen biologisch und chemisch-synthetisch differenzieren muss und biologische Dünger und Pflanzenschutzmittel um Längen nachhaltiger und einfach die bessere Wahl sind. Deshalb hat sie diesen Artikel geschrieben.